Institut für
Kulturpolitik
 

 
     
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Museen

Gernot Krankenhagen
Ehrenamtliche Mitarbeit im Museum der Arbeit Hamburg

Die im Folgenden ausgewählten Beispiele für ehrenamtliche Arbeit, besser gesagt bürgerschaftliches Engagement, am Museum der Arbeit in Hamburg stammen aus einer 17-jährigen Zusammenarbeit mit Menschen, die bereit sind, insbesondere ihre Zeit für Museumsarbeit zur Verfügung zu stellen. Grundlage dieses bürgerschaftlichen Engagements ist ein Freundeskreis, organisiert als eingetragener gemeinnütziger Verein mit integriertem wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb. Dieser hat etwa 850 Mitglieder, davon sind mindestens 100 regelmäßig aktiv. Der Jahresbeitrag beträgt nur 25 €, weil uns das Engagement der Mitglieder mindestens so wichtig ist wie die Beitragseinnahmen. Dieser Freundeskreis organisiert unseren Museumsladen, gibt eine inhaltliche und formal bemerkenswerte Zeitschrift mitarbeit heraus – die im Wesentlichen auch ehrenamtlich entsteht –, organisiert eine offene Werkstatt im Druckgewerbe, beteiligt sich an der Außenwerbung des Museums und vieles mehr.

Der Museumsladen

Im letzten Jahr vor der Eröffnung des Museums im Januar 1997 stand die Frage im Raum: Wie organisieren wir den – räumlich schon vorgesehenen – Museumsladen? Der Freundeskreis war grundsätzlich zur Übernahme bereit.

Zusammen mit einer ehrenamtlich tätigen Frau entwickelten wir ein inhaltliches Konzept, gemeinsam mit der Leitung des Museums wurde die Gestaltung des Ladens festgelegt – finanziert aus Mitteln des Museums – und rechtzeitig vor der Eröffnung begann der Einkauf. Hierfür standen dem Freundeskreis nicht genügend Mittel zur Verfügung, das Museum – damals noch nachgeordnete Dienststelle in der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg (heute sind wir eine Stiftung des öffentlichen Rechts) – erhielt von der Kulturbehörde die Genehmigung, ein Darlehn in Höhe von 20 000 DM zur Verfügung zu stellen. Mit dem Eröffnungstag und seitdem ununterbrochen wird der Museumsladen von Mitgliedern des Freundes­kreises betreut (sie nennen sich selbst belächelnd »LadenhüterInnen«) – das Darlehn ist längst zurückgezahlt. Bettina Hedwig (o. g. Kollegin) kümmert sich um die Auswahl des breit gestreuten Angebots. Sie wird dafür inzwischen bezahlt, nachdem sie weit über ein Jahr unentgeltlich gearbeitet hat. Im Laden hängt eine Liste, in die sich jede/r eintragen kann. Gegebenenfalls wird, wenn Not an der Frau/am Mann ist, nachtelefoniert. So funktioniert dieser Museumsladen seit über fünf Jahren fast ohne Probleme. Festzuhalten ist auch: Die LadenhüterInnen treffen sich drei- bis viermal im Jahr, um Probleme zu bereden. Sie werden regelmäßig zu besonderen Führungen bei Sonderausstellungen eingeladen, auch gibt es ein bis zweimal im Jahr andere Veranstaltungen exklusiv für sie. Außerdem gehen wir Anfang des Jahres gemeinsam Essen. Eine Anmerkung am Rande: Natürlich bieten wir im Museumsladen auch Bücher an. Hier haben wir mit dem Buchladen im Stadtviertel einen wunderbaren Vertrag: Er liefert die Bücher, wir verkaufen. Und den Gewinn teilen wir uns jeweils zur Hälfte. Aus dem Museumsladen erhält das Museum jährlich eine hohe fünfstellige Summe (in Euro).

Die offene Werkstatt im grafischen Gewerbe

Anfang der achtziger Jahre übernahm das Museum der Arbeit, damals noch ein Projekt in Vorbereitung, verschiedenste Gegenstände aus dem grafischen Bereich. Setz- und Buchdruckmaschinen wurden damals in Mengen verschrottet und dazu alles mögliche Material und, wie ich zu sagen pflege, häufig auch das Wissen der Menschen, die bis dahin in diesem Bereich gearbeitet hatten. Der Freundeskreis hatte Anfang der achtziger Jahre so genannte »Branchengruppen« eingerichtet. Die des grafischen Gewerbes erwies sich als eine der dauerhaftesten und aktivsten. Bereits

Die ehrenamtlichen Kollegen Paul Gobbert, Gerd Laufenberg, Lothar Schumann und Jürgen Nordmeyer bei einer ›mitmach‹-Aktion des Museums der Arbeit im Einkaufszentrum Alsterdorf/ Hamburg

bei unseren ersten Probeausstellungen 1985 gab es viele Angebote zum Selbermachen. Danach setzten die Kollegen, meist ehemalige Setzer und Drucker, mit einem »Streik« durch, dass wir die in diesem Zuge eingeführte »offene Werkstatt« am Montagabend beibehielten. Es gibt sie inzwischen also seit 17 Jahren. Die offene Werkstatt ist ein Beispiel für die vielfachen Facharbeitsbezüge, die es an einem Haus wie unserem gibt, und bei denen FacharbeiterInnen unter Museumsanleitung spezifische Angebote machen können: Die ehemaligen Schriftgießer, Schriftsetzer oder Buchdrucker führen jeden Montagabend von 18 bis 21 Uhr in die Geheimnisse der »schwarzen Kunst« ein. MuseumsbesucherInnen können hier erste Druckversuche machen, ob Visitenkarten oder Briefpapier oder ein kleines eigenes Gedicht, alles ist möglich! Einzelne, die schon vor langer Zeit damit angefangen haben, haben ihre Liebe zu dieser alten Technik entdeckt und setzen, drucken und binden inzwischen ganze Bücher, die dann im Museum verkauft werden. Inzwischen gibt es am Museum eine große Zahl von Buchkünstlern, die regelmäßig mit den bei uns zur Verfügung stehenden Techniken arbeiten, insbesondere mit Buchdruck und Lithografie. Die Produkte werden im Museumsladen wieder von Ehrenamtlichen verkauft.

mitarbeit

Von Anfang an entwickelte der Verein ein Informationsblatt für seine Mitglieder. Im Umfeld des grafischen Gewerbes entstand dabei immer wieder der Ehrgeiz, daraus eine wirklich respektable Zeitschrift zu machen. Über mehrere Zwischenstufen entstand 1996 die heutige Form: Die Zeitschrift mitarbeit, die zweimal jährlich erscheint: Die Redaktion liegt bei einer Gruppe von ehrenamtlichen MitarbeiterInnen, u. a. einem Mitglied des Vorstands des Vereins. Die grafische Gestaltung besorgt, ebenfalls ehrenamtlich, eine professionelle Gestalterin. Lediglich Satz und Druck geben wir außer Haus. Hier wird auch deutlich, warum Bleisatz und Buchdruck heute nicht mehr verwendet werden: Die Bildherstellung ist kompliziert und teuer, das Verfahren langwierig und personalintensiv.

Zeitzeugenarbeit

In unserem kulturgeschichtlich orientierten Museum spielt die Befragung von Zeitzeugen eine wichtige Rolle. Menschen stellen uns ihre Zeit, ihre Erinnerungen und ggf. auch Bilder, Dokumente und Objekte ihres (Arbeits-)Lebens zur Verfügung und werden so zu ehrenamtlich Mitwirkenden. Ein Beispiel aus jüngster Zeit: Das Museum der Arbeit ist beteiligt an einem von der EU geförderten europaweiten Projekt zur Migration. Das Museum hat dabei das Thema »Geteilte Welten – Hamburg und Migration« übernommen. Das Projektteam sammelt seit einem Jahr Mi­grationsgeschichten von Menschen, die eigene, teilweise generationsübergreifende Erfahrungen haben. »Durch das Aufgreifen der konkreten Migrationserfahrungen seiner Bewohner soll dem Einwanderungsgedächtnis Hamburgs Gestalt gegeben und aufgezeigt werden, dass die Stadt ohne Migrationsgeschichte nicht vorstellbar ist und Wanderungen in unseren Lebensläufen auf die eine oder andere Weise immer eine Rolle spielt« (aus dem Ankündigungstext im Internet).

Der ehrenamtliche Mitarbeiter und ehemalige Buchdrucker Günter Poppenborg zeigt Besuchern
wie mit Einzelbuchstaben umgegangen wird und wie diese hergestellt wurden

Dies und das

Bisher wurden größere, abgeschlossene Projekte vorgestellt, aber ein solcher Freundeskreis hilft natürlich auch in vielen Notsituationen: Als wir vor Jahren noch kein eigenes Museumscafé betreiben konnten, gab es ein solches im Nachbarhaus, einem Stadtteilkulturzentrum. Über Weihnachten wurde dieses 14 Tage geschlossen, eine Zeit, in der wir viele Museumsbesucher erwarten können: Wer half? Natürlich der Freundeskreis. Wir bauten ein provisorisches Café im Foyer auf, eine Gruppe von Frauen und Männern organisierte Kuchenbacken, Kaffeekochen und Ausschank. Sie hatten Spaß dabei und haben uns unglaublich geholfen. Wer organisiert die Bewirtung bei Sonderausstellungseröffnungen, wer betreut den Museumsstand zum Beispiel auf den Kulturflohmärkten, die wir auf dem Museumshof installiert haben, bei Open-Air-Veranstaltungen und bei vielen anderen Gelegenheiten? Natürlich die Freundinnen und Freunde, von denen sich immer einige finden, die solche Aufgaben gerne übernehmen. Kürzlich haben wir zum ersten Mal den Freundeskreis aufgerufen, mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Museums gemeinsam einen »Putztag« durchzuführen, bei dem nicht nur die Vitrinen (von denen es bei uns eine ganze Menge gibt), sondern auch deren Inhalte gereinigt werden sollen. Ich bin gespannt, welches Echo dieser Aufruf finden wird!

Ehrenamtliche Arbeit: Inhaltliche und personalbezogene Grenzen

Nach so viel positiven Berichten mögen einige grundsätzliche Bemerkungen diesen Beitrag abrunden: Was wir von Ehrenamtlichen nicht erwarten, ist im Wesentlichen der Arbeitsbereich, der die zentralen Tätigkeiten der Kernmannschaft betrifft: So finden in unserem Hause bisher keine Führungen durch Ehrenamtliche statt – wir machen diese Führungen entweder selbst oder bilden studentische MitarbeiterInnen aus, die dann gegen Entgelt führen. In diesem Bereich ist es, so meine Überzeugung, notwendig, »Grenzdiskussionen« zu führen: Darf man von Menschen, die sich eine Qualifikation erworben haben, um damit ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, erwarten, dass sie diese Qualifikationen unentgeltlich anbieten? Dabei tun sie dies meist ja deshalb, weil sie keinen adäquaten Arbeitsplatz bekommen können. Und weiter: Darf man solche Arbeiten von im Ruhestand befindlichen ehemaligen KollegInnen erwarten, wenn dabei verhindert wird, dass andere entsprechende Arbeitsplätze erhalten? Aber natürlich auch anders herum: Was können wir tun, wenn das Museums-Budget derartige Ausgaben nicht mehr zulässt? In diesem Bereich sehe ich keine Möglichkeit, grundsätzliche Lösungsmöglichkeiten anzubieten: In jedem Fall müssen solche Fragestellungen in der Diskussion bleiben, müssen ernsthaft geprüft werden. Wir müssen uns immer wieder fragen, ob es vertretbar ist, für bestimmte Tätigkeiten auf bürgerschaftliches Engagement zu setzen und nicht auf fest bezahlte Kräfte.

In unserem Freundeskreis finden sich Menschen jeglichen Alters, beider Geschlechter und mit verschiedensten beruflichen Erfahrungen. Sie alle können in ehrenamtliche Arbeit eingebunden werden, wenn sie das wollen, und wir tun viel dafür, möglichst viele dazu zu bewegen. Ausschließen sollte man nur wenige: Mir fallen nur die ewigen Besserwisser (und -wisserinnen) ein, die das Klima zerstören und dadurch viel mehr Schaden anrichten, als sie helfen. Auf einen Umstand sei hingewiesen: Wenn wir arbeitslose Ehrenamtliche mit Regelarbeit beschäftigen und sie in die Strukturen einbinden, dann besteht für sie die Möglichkeit, sich einzuklagen. Hier lohnt es sich, sich entsprechend rechtlich abzusichern.

Warum bietet ein Museum ehrenamtliche Arbeit an und
warum arbeiten Menschen ohne Entlohnung in einem Museum mit?

Ein erster Grund für das Angebot ist sicherlich »um Geld zu sparen!«, aber das ist bei weitem nicht alles. Denn bei richtiger Organisation und richtigem Umgang miteinander wird das Museum in manchen der o. g. Fälle fachlich besser, auf jeden Fall aber gewinnt es im menschlichen Bereich. Mit richtigem Umgang meine ich, sich als fest angestellter Museumsmitarbeiter immer bewusst zu bleiben, dass der andere seine Tätigkeit freiwillig und im Interesse des Museums macht. Er hat Anspruch auf unser Dankeschön und auf unser Interesse an ihm – es muss auch einmal ein persönliches Gespräch möglich sein. Zuhören zu können gehört dabei sicherlich zu den wesentlichen Voraussetzungen. Dass wir zum Beispiel durch die grafische Werkstatt, aber auch durch die mitarbeit fachlich besser geworden sind, sei hier nur am Rande erwähnt. Im menschlichen Bereich ist darauf hinzuweisen, dass freiwillige HelferInnen ganz besondere Möglichkeit haben, BesucherInnen anzusprechen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und sie für ein Haus zu begeistern. Das sollten wir nutzen! Denn Kundenbindung ist heute ein Schlagwort, das für Museen von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist: Wir freuen uns über jeden Besucher und jede Besucherin, die unser Haus für sich entdecken. Aber natürlich wollen wir, dass sie fünf-, sechs-, siebenmal und viel öfter wiederkommen.

Für die Tatsache, dass Menschen ohne Entlohnung in einem Museum arbeiten, gibt es viele Gründe: In den USA spielt der Dienst an der Allgemeinheit eine große Rolle, und mein Eindruck ist, dass diese Überlegung auch bei uns immer stärker um sich greift. Denn jede und jeder spürt, dass man nicht nur für andere etwas tut, sondern auch sehr viel zurückbekommen kann. Da sind soziale Kontakte, die alten Menschen oft fehlen und die nun, zum Beispiel in unserem Museumsladen, wieder möglich werden. Da ist vorhandenes Wissen, das weiter genutzt und das in Richtung Museum sogar ausgeweitet und vertieft werden kann. Als Beispiel habe ich weiter oben das grafische Gewerbe genannt, aber auch viele KollegInnen, die in unserer Abteilung »Hafen« tätig sind, gehören hierher. Und dann kommt noch die soziale Anerkennung, die vom Museum, aber auch von der Kommune verstärkt werden kann. Der Hamburger Senat zum Beispiel führt jedes Jahr einen Empfang für Ehrenamtliche durch und auf unsere Aktivitäten zusammen mit der Ladencrew habe ich schon weiter oben hingewiesen. Wir nehmen außerdem unsere aktiven Ehrenamtlichen selbstverständlich mit auf den Betriebsausflug des Museums, wir versorgen sie mit Informationen über das Museum. Wer in unserem Verein organisiert ist, erhält die oben schon genannten Informationen, bekommt Einladungen zu allen Ausstellungseröffnungen und zu mindestens einer, oft aber auch zwei oder drei Museumsreise(n) im Jahr.

Sind die oben genannten Projekte ebenso
wie die danach angestellten Überlegungen übertragbar?

Voraussetzung für die Zusammenarbeit scheint mir zunächst ein organisatorischer Rahmen zu sein, in dem an ehrenamtlicher Arbeit Interessierte organisiert werden können: Der Freundeskreis in der Form eines eingetragenen Vereins hat sich dabei außerordentlich bewährt. Als Nächstes braucht man natürlich engagierte Mitstreiter, die bereit sind, die Organisation des ehrenamtlichen Umfelds zu übernehmen. Dies kann und sollte nicht ausschließlich von Mitarbeitern des Hauses geschehen, damit die Selbstständigkeit der entstehenden Gruppen gewahrt bleibt. Selbstverständlich können dabei gelegentlich auch Projekte entstehen, die dem Museum nicht so passen: Hier einzuwirken und immer diskussionsbereit zu sein ist eine weitere wichtige Voraussetzung. Ich bin mir natürlich bewusst, dass die Grundlage eines beinahe tausend Menschen umfassenden Vereins eine Grundvoraussetzung für ein derartig umfangreiches Engagement ist. Die Erfahrung vieler KollegInnen aus kleinen Häusern zeigt aber, dass in abgewandelter Form auch dort ehrenamtliche Tätigkeiten vorhanden und meistens unverzichtbar sind.

Zusammenfassend möchte ich festhalten: Ehrenamtlich tätige Menschen geben uns etwas, sie bekommen aber auch etwas zurück. Sie können exzellente Mittler zwischen der Stammmannschaft und den Besuchern sein. Dies kann auf fachlicher ebenso wie auf menschlicher Ebene gelten. Ehrenamtliche nehmen uns, der Stamm­mannschaft, manche Arbeit ab, sie springen in Notsituationen häufig ein. Sie gehören zu uns, betrachten das Haus als »ihr Museum« und das stimmt auch! Deshalb mein Rat zum Schluss: Pflegen Sie Ihre Freiwilligen, das Museum und Sie selbst profitieren davon!

 

Kontakt
Museum der Arbeit • Wiesendamm 3 • 22305 Hamburg • Tel.: 040/4 28 32-23 64 • Fax:040/4 28 32-31 79 • E-Mail: krankenhagen@museum-der-arbeit.de • Homepage: www.museum-der-arbeit.de

oder

Freunde des Museums der Arbeit • Poppenhusenstr. 12 • 22305 Hamburg • Tel.: 040/4 28 32-20 52 • Fax: 040/4 28 32-20 52 • www.museum-der-arbeit.de/Freunde