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Die Zukunft der Kulturpolitik ist interkulturell

Erklärung der Kulturpolitischen Gesellschaft und der Bundeszentrale für politische Bildung zum zweiten Kulturpolitischen Bundeskongress »inter.kultur.politik. - Kulturpolitik in der multiethnischen Gesellschaft« am 26./27. Juni 2003 in Berlin

 

I.

Gegenwärtig leben in Deutschland über sieben Millionen Menschen nicht-deutscher Herkunft. In zwanzig Jahren werden es voraussichtlich doppelt so viele sein. Die Stadt Frankfurt am Main hat schon heute einen Zuwandereranteil von ca. dreißig Prozent; bis zum Jahr 2010 wird dieser Anteil in vielen Großstädten auf vierzig Prozent anwachsen. Deutschland ist de facto ein Einwanderungsland und wird auf Grund der demografischen Entwicklung voraussichtlich auch weiterhin auf Zuwanderung angewiesen sein. Damit steht die bundesdeutsche Gesellschaft vor einer Integrationsaufgabe, die auch kulturell zu bewältigen ist. Faktisch wird Integrationspolitik jedoch vor allem als arbeits- und sozialpolitische Steuerung von Zuwanderung begriffen. Kulturpolitische Konzepte werden selten entwickelt.

Migration ist eine globale Tatsache. Leider wird sie vorwiegend als Problem gesehen, das die Gesellschaft von außen betrifft oder bedroht, ohne die darin angelegten Chancen und Potenziale zur Kenntnis zu nehmen. Wir wissen aus Erfahrungen, dass Zuwanderung historisch trotz der damit verbundenen sozialen und kulturellen Herausforderungen vielfach ein Fundament wirtschaftlicher Dynamik und kultureller Vitalität war. Bereits heute leben in Deutschland viele gut ausgebildete Neu-Deutsche insbesondere der zweiten und dritten Generation mit interkultureller und kosmopolitischer Kompetenz, die motiviert und aufstiegsorientiert ihre Chancen suchen.

Die multiethnische Gesellschaft ist Realität. Vor allem in großstädtischen Wohnquartieren sind ethnisch geprägte Communities entstanden. Diese Tatsache ist nicht neu, neu ist allerdings ihre Quantität und ihre Beständigkeit. Diese sog. »ethnischen Kolonien« sind sozial-kulturelle Rückzugsgebiete, in denen Menschen Zuflucht suchen, die in ihrer Identität verunsichert oder entwurzelt sind. Auf der Suche nach neuen Identitäten entsteht dort eine neue Realität für urbane Kultur, die sich in neuen, meist subkulturellen Institutionen ausprägt. Das hier versammelte soziale und kulturelle Kapital gilt es positiv zu nutzen. Es kommt darauf an, Bedingungen zu schaffen, die in den ethnisch geprägten Wohnvierteln jungen Menschen die Chance gibt, eigene Brücken zur Integration in die „Mehrheitsgesellschaft“ zu bauen. Kulturpolitik kann hier zu einem Ansatz eines neuen Verständnisses von Integration werden.

II.

Die Dynamik der durch Migration und kulturelle Globalisierung ausgelösten kulturellen Entwicklung findet bislang nur wenig Resonanz in der Kulturpolitik. Öffentliche und private Kultureinrichtungen leisten zwar auch heute schon einen wichtigen Beitrag zur Kommunikation und Verständigung zwischen den Menschen, die einen unterschiedlichen kulturellen Hintergrund haben. Sie haben jedoch ihre Möglichkeiten, zur kulturellen Integration beizutragen und Migration als kulturellen Prozess zu thematisieren, bei weitem noch nicht ausgeschöpft. ZuwanderInnen sind nach wie vor die Ausnahme in städtischen Theatern, Konzerthäusern, Bibliotheken und Museen, und ihre Kulturen spiegeln sich zu wenig in den öffentlichen geförderten Kulturprogrammen.

Die positiven Ansätze einer interkulturellen Kulturarbeit in Stadtteilen, Kirchengemeinden oder Jugendzentren werden nicht ausreichend zur Kenntnis genommen und kaum systematisch gefördert. Etats für interkulturelle Arbeit fehlen in den öffentlichen Haushalten der Kommunen, der Länder und des Bundes fast völlig. Zu bedauern ist auch der Mangel an Standards und Qualitätskriterien, die die Förderpolitik produktiver und effizienter machen könnten. Es geht nicht nur um mehr Geld, sondern auch um mehr Qualität und Nachhaltigkeit. Die aus den europäischen Traditionen des 18. und 19. Jahrhunderts erwachsenen Kultureinrichtungen, allen voran die großen Staats- und Stadttheater, die Kunstmuseen und ihre historischen, naturkundlichen und auf Technikgeschichte ausgerichteten Verwandten sind häufig noch orientiert an einem Begriff des nationalen kulturellen Erbes, der für die neuen „hybriden“ Kulturen in der multiethnischen Gesellschaft verschlossen ist und deshalb als alleinige Zukunftskonzeption immer weniger trägt.

Die Position der interkulturellen Kulturarbeit ist nicht nur schwach in den öffentlichen Haushalten, sondern auch in den verbandlichen Strukturen des kulturpolitischen Netzwerkes. In den Geschäftsstellen der Kulturverbände gibt es kaum Akteure mit Migrationshintergrund und auch die Vorstände dieser Vereinigungen kommen offenbar ohne Menschen aus, deren Biographie von einem anderen Kulturkreis geprägt ist. Ähnliches gilt für Gremien von Fördereinrichtungen, für wissenschaftliche Institute und im Grunde für die gesamte Infrastruktur der kulturpolitischen Meinungsbildung und Interessenpolitik. Auch im Feuilleton der großen Tageszeitungen wird über interkulturelle Kulturarbeit lediglich im Zusammenhang mit Festival- und Musikevents berichtet. Die Folge ist, dass ein öffentliches Interesse an der Förderung von interkulturellen Projekten und Konzepten nicht ausgebildet worden ist.

 

III.

Kultur in und für Deutschland, in und für Europa braucht das korrespondierende Interesse für kulturelle plurale Prozesse im Inneren und im Austausch mit anderen Kulturen. Es geht darum, in Deutschland, also in der Mitte Europas, Kultur als offenes System zu organisieren und zu gestalten. Liberale, (welt-)offene kommunale Kulturpraxis sah immer schon die Aufgabe, neben der historisch gewachsenen Kultur der Sesshaftigkeit auch die Kultur der Mobilität zur Geltung zu bringen. Dieses Selbstverständnis gilt es zu befördern, um die neue interkulturelle Pluralität entfalten und gestalten zu können.

Mit dem Kongress »inter.kultur.politik.« wollen wir einen Anstoß geben, um neue ›Weltsichten‹ und zeitgerechte Interpretationen der aktuellen globalen und lokalen Prozesse zu kommunizieren. Die Realität einer kulturell und religiös pluralen Gesellschaft und das Veränderungspotential der kulturellen Globalisierung müssen stärker wahrgenommen werden und den Ausgangspunkt bilden für eine konzeptionelle Neuorientierung der innerstaatlichen und auswärtigen Kulturpolitik. Es gilt, auf die kulturellen Potenziale aufmerksam zu machen, die durch Migration entstehen, statt diese immer nur unter dem Gesichtspunkt ihrer möglicherweise problematischen sozialen Folgen zu diskutieren.

Wir brauchen eine interkulturell qualifizierte Kulturpolitik, die die kulturellen Bedürfnisse und Interessen der MigrantInnen ernst nimmt und die in der Zuwanderung angelegten kulturellen Chancen und Potentiale aufgreift, damit das vielgestaltige kulturelle Leben in Deutschland neue Impulse erhält. Kommunen und Länder sind aufgefordert, sich trotz der gegenwärtigen Finanzkrise und Strukturprobleme dieser Herausforderung über punktuelle Experimentier- und Förderprogramme hinaus nachhaltig zu stellen. Aber auch der Bund sollte ein Zeichen setzen und Anreize dafür schaffen, dass die vorhandenen Ansätze interkultureller Arbeit gestärkt werden. Diese Aufgabe anzunehmen, ist nicht nur eine Frage gesellschaftspolitischer Verantwortung der öffentlichen Kulturpolitik, sondern liegt auch in ihrem Eigeninteresse. Die Zukunft der Kulturpolitik ist interkulturell!

Bonn, Berlin, 26.06.2003

 

URL dieses Textes: www.kupoge.de/presse/030626_interkultur.htm

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