9. Kulturpolitischer Bundeskongress

Dokumente & Diskussionen

 

Künste der Immersion

Im Rahmen ihres Programms befasst sich die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) u.a. mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Künste. Hier spielt der Begriff der Immersion eine wichtige Rolle. Andreas Wolfsteiner hat dazu einige Überlegungen formuliert. »›Go in instead of look at‹ – dieses von Allan Kaprow geprägte Motto ist das ästhetische, aber auch gesellschaftspolitische Leitmotiv des Programms »Immersion«, in dessen Rahmen die Berliner Festspiele seit dem vergangenen Jahr Werke präsentieren, die nicht betrachtet, sondern betreten werden wollen«, notiert er. »Um besser zu verstehen, wie es um unser Verhältnis von Aktivität und Passivität in subjektiven und öffentlichen Handlungsräumen bestellt ist«, liefere der Begriff »Immersion« ein Tool.

 

Mentale Technologien und die Künste der Immersion

Andreas Wolfsteiner

»Go in instead of look at« – dieses von Allan Kaprow geprägte Motto ist das ästhetische, aber auch gesellschaftspolitische Leitmotiv des Programms »Immersion«, in dessen Rahmen die Berliner Festspiele seit dem vergangenen Jahr Werke präsentieren, die nicht betrachtet, sondern betreten werden wollen – und sich damit oftmals im Grenzbereich zwischen Ausstellung und Aufführung bewegen.

Um besser zu verstehen, wie es um unser Verhältnis von Aktivität und Passivität in subjektiven und öffentlichen Handlungsräumen bestellt ist, liefert der Begriff »Immersion« ein Tool, mit dessen Hilfe nicht nur künstlerische Arbeitspraktiken beschrieben, sondern auch gegenwärtige Politik-, Kommunikations- und Arbeitsmodelle kenntlich gemacht werden können. Aktuell schaffen gesellschaftliche Phänomene auf faszinierende, aber auch beunruhigende Weise Wahrnehmungsmodi, die die dialektische Gegenüberstellung von Hier und Dort, Innen und Außen, Öffentlichkeit und Privatheit, dem Eigenen und dem Fremden, dem Körperlichen und dem Technischen auflösen: Strategien der Grenzverwischung – wie das Eindringen von Systemen in bislang als privat empfundene Lebenssphären, das Erzeugen von Affekten und Politiken von Stimmungen, die Vermessung und Algorithmisierung von Verhaltensweisen – prägen unseren Alltag, sind aber meist nicht direkt erkennbar. Dabei unterliegt der Terminus »Immersion« selbst einer grundlegenden theoretischen Verschiebung: In den 1990er Jahren wurde vorwiegend das Betreten virtueller Umgebungen so bezeichnet, wohingegen heute eine Vielzahl partizipativer Inszenierungsweisen in Kunst und Alltag damit gemeint sind.

 

Immersion – verstanden als das Eintauchen in andere Räume, Sphären oder gar »Welten« – zeigt sich dabei als ambivalente Bewegung. Sie steht einerseits für Selbst- oder Medienvergessenheit, Meditation und Ekstase, ist jedoch andererseits Anlass für Distanznahme und kritische Reflexion. Wie, von wem und wozu werden diese wechselnden Welten gebildet, an denen wir täglich partizipieren? In welche Rollen geraten wir dabei und wie tragen wir zu ihrer Bildung bei? Vor dem Hintergrund der rasant voranschreitenden Fragmentierung politischer Milieus, des Entstehens sozialer Unrast und des Aufkommens neuer aktivistischer Formen gilt es, mentalen Technologien und den Künsten der Immersion in drei Bereichen nachzuspüren: (1) in spektakulären Unterhaltungsformaten und -institutionen, (2) in religiösen Mentalpraktiken sowie (3) in handwerklichen Körpertechniken. Gefragt wird auch nach den Strategien und Taktiken kollektiven Vergessens, welche als Handlungsrepertoire in künstlerischen, wissenschaftlichen und politischen Bereichen durch diverse Medien ins Spiel kommen.

 

(1) Zwei Institutionen klassischer Jahrmarktsspektakel sind speziell durch immersive Formen der Erfahrung gekennzeichnet: das Fun House und die Achterbahn. Siegfried Kracauer hält in den 1920er Jahren in Bezug auf das frühe Kino fest, dass die hier praktizierte Zerlegung der Körper (Einstellungsgröße/Montage) die Fragmentierung des Leibs im fordistischen Arbeitskontext widerspiegele: Die Routinen, Handgriffe und Arbeitsschritte, die am Fließband zu beobachten sind, werden auf diese Weise im filmischen Medium reflektiert. Für das Fun House wie auch die Achterbahn greift die Filmwissenschaftlerin Constance J. Balides diese Argumentation auf. Resultierend analysiert sie für immersive Praktiken eine analoge Symbolisierung arbeitsweltlicher Prozesse: Das körperliche »Durchleben« und die reine Sensation, die im Falle dieser Jahrmarktsspektakel vordergründig sei, verweise eben gerade nicht auf die Fragmentierung des Körpers. Vielmehr, so Balides weiter, werde dessen Ummantelung durch intensive, teils schwindelerregende Erfahrung betont und das narrative Moment weitgehend ausgeblendet. Dadurch werden obendrein Institutionen etabliert, die nicht länger Zuschauer*innen, sondern Teilnehmer*innen hervorbringen. Gleichzeitig kommt hier der post-fordistische Arbeitsprozess zur Darstellung, der im Wesentlichen durch ein neuerliches Verschwimmen von Grenzen charakterisiert ist. Entsprechend liegt die Betonung auf einem »blurring of boundaries of various kinds, for example between spaces of production and reproduction, between work and leisure, and between person and machine.«1 Die Grenzen zwischen Produktion und Reproduktion, zwischen Arbeits- und Freizeit, zwischen Körpern und Maschinen stehen heute mehr denn je im Zentrum sozialpolitischer Debatten und zeigen einen weitreichenden gesellschaftlichen Wandel an. Wie genau wird das problematische Verhältnis von Arbeit und Spiel, von Produktion und Konsum durch immersive Aspekte in den Künsten reflektiert? Welches Verhältnis von Arbeit und Immersion ist dabei auszumachen?

 

(2) Dem Heiligen Ignatius von Loyola, dem Ordensgründer der Jesuiten, war das Eintauchen in Bildwelten nicht fremd. Seine applicatio sensuum, die er in den Geistlichen Übungen zwischen 1522 und 1524 entwirft, bezeichnet eben die Versenkung in die fünf Sinne: »Gesicht, Gehör, Getast, Geruch und Geschmack«. Die imaginationsseitige Intensivierung der inneren Schau dient der Verrückung des subjektiven Standpunkts – weg vom physikalischen Ort körperlicher Anwesenheit. Das Ziel dieser visuell-imaginativen Versenkung ist die Präsentwerdung an einem anderen Ort: dem Ort mystischer Schau. Über diesen Aspekt »antrainierter« Selbstverbesserung hinaus dienen die Ignatianischen Exerzitien dann der Durchsetzung absoluten Gehorsams innerhalb der Ordensgemeinschaften. Durch diese Arten meditativer Selbstoptimierung und organisationaler Kontrolle formuliert sich eine Ritualisierung, die an intelligente Leitsysteme und andere Technologien unsichtbarer Verhaltenssteuerung erinnert. Einerseits zeigen sich in ihnen Potenziale technologisch motivierter »Entrückung«, andererseits birgt dieses Aufgeben des eigenen Blickwinkels die Gefahr der Ausblendung von Kritik. Letzteres bringt die Gefahr einer weitgehend passiven Haltung gegenüber dem Prozess kommunikativen Handelns mit sich. Inwieweit sind die Techniken der immersive arts mit diesen Rhetoriken andächtiger Kontrolle vergleichbar? Welchen tradierten religiösen bzw. pseudo-religiösen Anteil weisen immersive Praktiken auf?

 

(3) In The Craftsman aus dem Jahr 2008 erkennt Richard Sennett in handwerklichen Tätigkeiten die Einswerdung der Handelnden mit ihrem Material: ob nun die Fingerfertigkeit geübter Instrumentalisten, die Kniffe von Bildhauern, die mimetischen Fähigkeiten der Schauspieler oder die komplexen Routinen der Glasbläserei – stets gilt es, die interesseleitenden Vorstellungen mit dem jeweiligen Material so zur Deckung zu bringen, dass die Grenze zwischen Handlungsträger und Gegenstand verwischt. Diese Art der Objektivation ist allerdings nicht aus dem Stand zu haben. Sie setzt zeitintensives Training, teils schmerzhafte Lernprozesse bis hin zur äußersten Hingabe voraus. In einigen Forschungspapieren geistert in diesem Zusammenhang ein Richtwert von rund 10.000 Stunden an Einübung umher. Würde jemand also 250 Wochen à 40 Arbeitsstunden eine einzige Sache tun (ca. 5 Jahre Arbeit), dann wäre entsprechend dieser Rechnung ein Maß an Könnerschaft erreicht, bei der diese Art der Immersion auftritt. Wenn sich das Selbst alsdann vollends im anvisierten Gegenstand löst, tritt das Körperbewusstsein paradoxerweise hinter das eingefleischte Tun zurück: Exakt dies ist der Moment, in dem sich die zu erlernenden Fertigkeiten und Kenntnisse ›gesetzt‹ haben. Die Barriere dieses Vorgangs ist das zu überwindende Unvermögen selbst. Dies betrifft überdies jene »Selbsttechniken« (techniques de soi), die Michel Foucault als in die »Technologien der Macht« (technologies de pouvoir) eingebettet erachtet hat. Gegen welches Unvermögen treten die immersive arts an? Was genau wird hier geübt? Und wofür ist dieses Training gedacht?

 

Es wird in Zukunft darum gehen, die verschiedenen Mechanismen des Eintauchens zu ergründen, zu diskutieren und erfahrbar zu machen. Darüber hinaus müssen die Umgangsweisen mit zunehmend technisierten Umwelten geschult werden, um das Umschlagen von Freiheit in Kontrolle zu markieren.

 

PD Dr. Andreas Wolfsteiner wurde 2008 im Rahmen des Graduiertenkollegs »Körper-Inszenierungen« mit einer Arbeit zur Geschichte und Theorie von Interfaces promoviert (Der formatierte Körper, Kadmos Verlag 2011) und war anschließend wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Theater, Medien und Populäre Kultur der Stiftung Universität Hildesheim. Am dortigen Fachbereich erfolgte im Jahr 2015 die Habilitation mit der Schrift Sichtbarkeitsmaschinen. Zum Umgang mit Szenarien. Anschließend Vertretung einer Professur am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin im Sommersemester 2016 sowie im Wintersemester 2016/17. Im Sommersemester 2017 führt er in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Barbara Gronau und in Abstimmung mit dem Programm »Immersion« der Berliner Festspiele das Seminar »Immersive Arts. Technologie und Praxis immersiver Erfahrung in den Künsten« durch. Ferner Tätigkeiten als freier Dramaturg für verschiedene Theaterproduktionen sowie Arbeiten im Bereich des dramatic composing und der Audioprogrammierung für diverse Video- und Performance-Projekte. Weitere Informationen unter www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/we07/institut/mitarbeiter/wolfsteiner/index.html.

 

1    Constance J. Balides, »Immersion in the Virtual Ornament: Contemporary ›Movie-Ride‹ Films«, in: David Thorburn und Henry Jenkins (Hg.), Rethinking Media Change. The Aesthetics of Transition. Cambridge, MA und London: MIT Press 2004, S. 315–336.

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Was wir nicht hören wollen

Warum wir Rassisten kein Verständnis entgegenbringen dürfen

»Seit 2014 sind in sozialen Netzwerken variable Geschlechterzuordnungen möglich. Auch die sogenannten Bindestrich-Identitäten geben uns Hinweise darauf, dass Menschen zunehmend weniger bereit sind, sich etablierten und statischen Identitäten unterzuordnen«, notiert Manuela Bojadzijev in der ersten Ausgabe der IFA-Zeitschrift »Kulturaustausch« in 2017. »Lebensstile pluralisieren sich, wozu nicht nur die plastische Chirurgie, Fast Fashion mit mehreren Kollektionen pro Jahr und eine generell zunehmende Mobilität beitragen.« Die Folgen aus ihrer Sicht: »Typologien und Klassifikationen werden eine Frage persönlicher Identität und ihres normativen Charakters. Was früher als Gruppendifferenz galt und zu gesellschaftlicher Ausgrenzung führen konnte (›die Türken‹, ›Schwarze‹, ›Homosexuelle‹), wird heute zur individuellen Differenz positiv stilisiert, zum ethischen Imperativ (der ›deutsch-türkische Schriftsteller‹, der ›afroamerikanische Präsident‹, die Ausdifferenzierung sexueller Selbstbestimmung). Es fand ein Wechsel von einer negativen Wertigkeit ungleicher gesellschaftlicher Rollen zu einer positiven Wertigkeit der Ungleichheit statt.« Mehr: www.kulturaustausch.de/index.php?id=5&tx_amkulturaustausch_pi1[view]=ARTICLE&tx_amkulturaustausch_pi1[auid]=

2522&cHash=9c90faa529bb76cb51ed913c10bdb166

 

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Das Versagen der politischen Mitte

Die EU und der Aufstieg des Rechtspopulismus

»Überall in Europa −− von Finnland bis Griechenland −− sprießen dieser Tage rechtspopulistische Parteien wie Pilze aus dem Boden. Die Ursache dafür liegt nicht zuletzt in den kolossalen Verletzungen demokratischer Gebote in der EU sowie in der Dominanz des Ökonomischen, durch die Entkoppelung von wirtschaftlichem und politischem Raum. Die sogenannten Populisten opponieren gegen die EU. Sie brechen die klassischen Parteiensysteme auf und sorgen so auch für die Erosion der nationalen Demokratien. Der Populismus wird daher gemeinhin als Bedrohung für die liberalen demokratischen Gesellschaften gebrandmarkt. Europa hat aber nur in zweiter Linie ein Populismusproblem. Sein größtes Problem ist die politische Mitte!«, meint Ulrike Guérot. »Denn die politische Mitte ist nicht in der Lage −− oder nicht willens −−, die real existierende EU als eine Vergewaltigung der Demokratie anzuprangernׂ. Mehr: http://www.eurozine.com/das-versagen-der-politischen-mitte/

Ulrike Guérot (Donau-Universität Krems) diskutiert im Panel 2 über »Lob der Grenzen – Kritik der Grenzen«

 

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Utopian dreams beyond the border

»If the financial crisis divided the EU between creditors and debtors, opening a gap between North and South, the refugee crisis re-opened the gap between East and West«, schreibt Ivan Krastev. »What we witness today, writes Ivan Krastev, is not what Brussels describes as a lack of solidarity, but a clash of solidarities: national, ethnic and religious solidarity chafing against our obligations as human beings. A decade ago, the Hungarian philosopher and former dissident Gaspar Miklos Tamas observed that the Enlightenment, in which the idea of the European Union is intellectually rooted, demands universal citizenship. But universal citizenship requires one of two things to happen: either poor and dysfunctional countries have to become places in which it is worthwhile to be a citizen, or Europe has to open its borders to everybody. Neither is going to happen anytime soon, if ever. Today the world is populated by many failed states nobody wants to be a citizen of, and Europe neither has the capacity nor will its voters ever agree to keep the borders open. Mehr: www.eurozine.com/utopian-dreams-beyond-the-border/«

 

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Kolonialismus und Postkolonialismus: Schlüsselbegriffe der aktuellen Debatte

Wo hört Kolonialismus auf und wo fängt Postkolonialismus an? Haben sich die Imperien aus unserer Welt schon verabschiedet? Sebastian Conrad erläutert wichtige Begriffe und die Besonderheiten des modernen Kolonialismus.

Die koloniale Epoche endete nach landläufiger Überzeugung Anfang der 1960er Jahre, als die meisten kolonisierten Nationen in die staatliche Unabhängigkeit entlassen wurden. Dessen ungeachtet nimmt das Interesse am Phänomen des Kolonialismus stetig zu. Zum einen wird immer deutlicher, dass koloniale Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse ein wichtiger Bestandteil der Entwicklung der modernen Welt gewesen sind. Die Geschichte des Kapitalismus oder der Globalisierung waren eng mit der kolonialen Ordnung verknüpft. Zum anderen sind koloniale Beziehungen auch in der Gegenwart nicht vollständig verschwunden, wie die Rede von einem US-amerikanischen oder auch einem chinesischen »Imperium« deutlich macht. In dieser doppelten Hinsicht ist Kolonialismus daher von hoher Aktualität. Mehr: www.bpb.de/internationales/weltweit/postkolonialismus-und-globalgeschichte/236617/schluesselbegriffe

 

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(Post)kolonialismus und Globalgeschichte

Postkoloniales Erwachen: Die enttäuschten Hoffnungen der neuen Nationen

Dietmar Rothermund (20.5.2016)

Es war kein Happy End, mit dem sich die neuen Nationen von den Kolonialmächten lösten, konstatiert Dietmar Rothermund (20.5.2016): Die Geschichte des Postkolonialismus ist geprägt von Krieg und Vertreibungen. Im 20. Jahrhundert lösten sich innerhalb weniger Jahrzehnte europäische Kolonialreiche auf, die mehrere Jahrhunderte überdauert hatten. Dies war die Folge des Zweiten Weltkriegs und der ihm vorausgegangenen Weltwirtschaftskrise. Die Krise hatte zu einem weltweiten Verfall der Preise der Produkte der Kolonien geführt. Der Wert der Kolonien war gesunken, die Erhaltung der Kolonialherrschaft war dagegen kostspieliger geworden. Der Krieg, der die Kolonialmächte schwächte, machte die Dekolonisierung praktisch unvermeidbar, obwohl die Kolonialherren dies zunächst nicht wahrhaben wollten. Mehr www.bpb.de/internationales/weltweit/postkolonialismus-und-globalgeschichte/219141/enttaeuschte-hoffnungen

 

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Flucht hat viele Gesichter

Millionen Menschen machen sich jedes Jahr weltweit auf die Flucht. Die massenmediale Wahrnehmung dieses Geschehens bietet uns hier in Deutschland nur einen begrenzten Ausschnitt, meint die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). In den letzten Monaten ist die Flucht von Tausenden Menschen über das Mittelmeer nach Europa in den Fokus gerückt. Schnell wird dann versucht, politisches Kapital zu gewinnen, indem Ängste geschürt oder vermeintlich einfache Lösungen präsentiert werden. Für eine realistische Perspektive lohnt der Blick auf die konkrete Vielfalt dieses Geschehens. Denn wer flieht, begibt sich in Gefahr. Die Angst vor Bürgerkriegen, Gewalt und Elend ist dabei größer als die vor einem ungewissen Ausgang der Flucht. Mehr: www.fluter.de/heft55

 

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In the Mediterranean, Standing Back Is Not an Option

»The European response to the increased migration flows is in effect a policy of deterrence«, meinen Giovanna Castagna & Magdalena Majkowska-Tomkin (Open Society Foundations). »According to this grim argument, if the chances of drowning are high enough, then people will not get into boats. But that is a policy that requires a large number of people to die, and is based on a false assumption: when rescue missions were suspended in 2015, more people came than ever before. And those that are attempting to stop these deaths are becoming a scapegoat for policy failure. At the Open Society Foundations, we are deeply concerned about the attacks on the NGOs involved in these rescue efforts.« (07.04.2017) Mehr: www.opensocietyfoundations.org/voices/coast-libya-standing-back-not-option?utm_source=news&utm_medium=email&utm_campaign=news_041517&
utm_content=iIMcr9rJYtgqwy4ToblvIeEr2ZUZNr8fZ2LSULI-enA

 

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Was ist Migrationspädagogik?

Paul Mecheril

Migrationsbewegungen prägen gegenwärtige Gesellschaften maßgeblich. Immer mehr Menschen wandern, pendeln, lassen sich an einem Ort nieder, der nicht ihr Geburtsort ist, arbeiten und leben an unterschiedlichen Orten: Es gibt Menschen, die im Laufe ihres Lebens in vier, fünf, sechs verschiedenen Ländern gelebt haben oder jahrelang gleichzeitig an mehreren Orten leben, die ein Zuhause an zwei oder drei Orten haben oder deren Staatsbürgerschaft nicht den Ort ihrer Herkunft widerspiegelt. Auch die gesellschaftliche, soziale und individuelle Wirklichkeit Deutschlands wird grundlegend von Migrationsphänomenen geprägt.

Mit der Perspektive »Migrationspädagogik« richtet sich der Blick auf Zugehörigkeitsordnungen in der Migrationsgesellschaft, auf die Macht der Unterscheidung, die sie bewirken und die Bildungsprozesse, die in diesen machtvollen Ordnungen ermöglicht und verhindert sind. Mehr www.bildung-interkulturell.de/cweb/cgi-bin-noauth/cache/VAL_BLOB/9518/9518/6372/Was%20ist%20Migrationsp%C3%A4dagogik_MOZAIK_Mecheril.pdf

Paul Mecheril ist Professor für Migration und Bildung am Institut für Pädagogik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Direktor des dortigen Center for Migration, Education and Cultural Studies (= https://www.uni-oldenburg.de/cmc/)

 

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The political geographies of Muslim visibility

Boundaries of tolerance in the European city

Luiza Bialasiewicz (30 March 2017)

The Muslim presence in European cities is often concealed through formal restrictions on mosques and other signs of religiosity. Yet Muslims are also exposed as threats to the public order. Claiming full rights to participation in public space means confronting the divided political geographies of visibility, argues Luiza Bialasiewicz.

Over the past decade, the question of what has somewhat problematically been termed ›the Islamization of space‹ in European cities has come to the fore of political discussion. Much of the debate has focused on public reactions to and punitive state regulations of Islamic spaces of worship. Examples include the Swiss referendum in 2009 on a ban on minarets, voted in by an almost 60 per cent ›yes‹ majority, and a similar ban proposed in Germany in 2016 by the Alternative für Deutschland. Yet opposition to the construction of mosques across Europe is just the most evident crystallization of wider fears surrounding Muslim presence and visibility in the urban landscape, with a variety of studies noting the emergence of racialized ›affective geographies‹ in response to what are perceived to be ›Muslim spaces‹ and ›Muslim bodies‹, increasingly demarcating city spaces as safe or unsafe, ›ours‹ or ›alien‹. Mehr: www.eurozine.com/the-political-geographies-of-muslim-visibility/

 

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Die Gefahren der Offenen Grenzen

»Offene Grenzen würden die Staatlichkeit weltweit gefährden.«, meint Prof. Julian Nida-Rümelin. Eine Versachlichung der Diskussion sei dringend notwendig: »Wer ernsthaft meint, die Öffnung der Grenzen in einigen wohlhabenden Ländern könne einen wichtigen Beitrag zur Linderung des Weltelends leisten, hat sich mit den Quantitäten offenbar nicht auseinandergesetzt: Über 1,5 Milliarden Menschen leben weltweit von einer täglichen Kaufkraft von weniger als zwei US-Dollar.«

Um dieses skandalöse Elend, das sich vor allem in Afrika südlich der Sahara konzentriert, zu beheben, sei es neben eine veränderten Welthandels- und Weltwirtschaftspolitik notwendig, sich über seine Wertmaßstäbe klar zu werden. Nida-Rümelin: »Meine Vorschläge dazu stehen im Zusammenhang mit der von mir entwickelten ›Theorie praktischer Vernunft‹, die ich als ›Strukturelle Rationalität‹ bezeichne, wonach menschliche Praxis, individuelle und kollektive Selbstbestimmung nur möglich sind, wenn Strukturen gesichert werden. Zu diesen Strukturen gehören Kooperationsbeziehungen, Familienbande, aber auch kulturelle und politische Gemeinschaften, und vor allem auch die Staatlichkeit, die erst die politische Gestaltungskraft ermöglicht. Eine generelle Politik der offenen Grenzen würde die Staatlichkeit als Ganzes weltweit gefährden.«

Mehr: www.ipg-journal.de/regionen/global/artikel/detail/offene-grenzen-wuerden-die-staatlichkeit-weltweit-gefaehrden-1943/go/98/

Prof. Dr. Dr. h.c. Julian Nida-Rümelin, Staatsminister a.D. lehrt Philosophie und politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

 

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Welcome to the age of anger

The seismic events of 2016 have revealed a world in chaos – and one that old ideas of liberal rationalism can no longer explain

by Pankaj Mishra

Thursday 8 December 2016 06.00 GMT

 

The election of Donald Trump as president of the United States is the biggest political earthquake of our times, and its reverberations are inescapably global. It has fully revealed an enormous pent-up anger – which had first become visible in the mass acclaim in Russia and Turkey for pitiless despots and the electoral triumph of bloody strongmen in India and the Philippines.

 

The insurgencies of our time, including Brexit and the rise of the European far right, have many local causes – but it is not an accident that demagoguery appears to be rising around the world. Savage violence has erupted in recent years across a broad swath of territory: wars in Ukraine and the Middle East, insurgencies from Yemen to Thailand, terrorism and counter-terrorism, economic and cyberwar. The conflicts, not confined to fixed battlefields, feel endemic and uncontrollable. Hate-mongering against immigrants and minorities has gone mainstream; figures foaming at the mouth with loathing and malice are ubiquitous on old and new media alike.

 

There is much dispute about the causes of this global disorder. Many observers have characterised it as a backlash against an out-of-touch establishment, explaining Trump’s victory – in the words of Thomas Piketty – as »primarily due to the explosion in economic and geographic inequality in the United States«. Liberals tend to blame the racial resentments of poor white Americans, which were apparently aggravated during Barack Obama’s tenure. But many rich men and women – and even a small number of African-Americans and Latinos – also voted for a compulsive groper and white supremacist. Mehr: https://www.theguardian.com/politics/2016/dec/08/welcome-age-anger-brexit-trump

 

Pankaj Mischra wird das Panel 1 des 9. Kulturpolitischen Bundeskongresses eröffnen. (Programm)

 

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Der Ethik-Podcast. Ausgabe 23 | Juli 2016

Jan Brezger: Migration

244 Millionen Menschen lebten 2015 nicht in dem Land, in dem sie geboren wurden. Dürften Menschen ihren Aufenthaltsort weltweit frei wählen, so wären es vermutlich noch viele mehr. Doch Staaten sehen es als ihr gutes Recht an, die Einwanderung zu beschränken. Zu Unrecht, meint Jan Brezger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin.

Dauer: 25:00

Mehr: www.ethik.uzh.ch/static/hinterfragt/audio/hinterfragt23.mp3

 

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Globalisierung, Migration und Identität

Aufgaben und Möglichkeiten kultureller Bildung in kulturell heterogenen Gesellschaften und Zeiten kultureller Globalisierung«

Institut für Kulturpolitik (IfK) der Kulturpolitischen Gesellschaft

Eine Rückschau auf 2004

  

Die Bedingungen, unter denen Kulturarbeit, kulturelle Bildung und kulturpolitisches Handeln stattfinden, sind heute entscheidend mitgeprägt durch die weltweiten Globalisierungsprozesse, die nicht zuletzt Kultur, Kunst und Medien umfassen, sowie durch die multiethnische Zusammensetzung der Bevölkerung als innergesellschaftlicher Entsprechung zur Internationalisierung der Produktion und Rezeption von Kunst, Kultur und Medien. Beide Faktoren bringen neuartige Kulturmuster und Kulturstile hervor. Hinzu kommt als dritte Ebene die Europäische Einigung, die gerade auch den Bildungs- und Kulturbereich vor zahlreiche neue Herausforderungen stellt und die Frage nach den Möglichkeiten, Grundlagen und Entwicklungsperspektiven einer europäischen Identität, die auf einem gemeinsamen Kultur- und Zivilisationsverständnis beruht, auf die Tagesordnung gesetzt hat. Für Deutschland kommt als Besonderheit die deutsche Einheit hinzu, wobei weitgehend unstrittig ist, daß trotz ihrer mittlerweile mehr als dreizehnjährigen Geschichte unterschiedliche Identitätskonstruktionen in den zwei deutschen Teilgesellschaften noch länger wirksam bleiben werden. Sind die Prozesse der kulturellen Globalisierung und das Entstehen multiethnischer und damit multikultureller Gesellschaften keine Besonderheit des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, so hat sich die Qualität der Prozesse dennoch gewandelt. Die verschiedenen Formen von globalisierter Kultur und multikultureller Gesellschaft prägen unsere Konsumgewohnheiten, unsere Kulturlandschaft und unsere kulturell-künstlerische Produktion und Rezeption und Intensität, Reichweiten und Geschwindigkeiten haben sich radikal verändert.

Mehr: www.kupoge.de/kulturorte/global.pdf

 

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»Museen sind keine neutralen Orte!«

Léontine Meijer-van Mensch

Es geht nach außen, es ist im positiven Sinne aktivistisch, es bezieht Position, es scheut die Reibung nicht, es gibt sein Besitzdenken auf: Léontine Meijer-van Mensch, stellvertretende Direktorin des Museums Europäischer Kulturen, über das Museum des 21. Jahrhunderts.

  

Die Bedingungen, unter denen Kulturarbeit, kulturelle Bildung und kulturpolitisches Handeln stattfinden, sind heute entscheidend mitgeprägt durch die weltweiten Globalisierungsprozesse, die nicht zuletzt Kultur, Kunst und Medien umfassen, sowie durch die multiethnische Zusammensetzung der Bevölkerung als innergesellschaftlicher Entsprechung zur Internationalisierung der Produktion und Rezeption von Kunst, Kultur und Medien. Beide Faktoren bringen neuartige Kulturmuster und Kulturstile hervor. Hinzu kommt als dritte Ebene die Europäische Einigung, die gerade auch den Bildungs- und Kulturbereich vor zahlreiche neue Herausforderungen stellt und die Frage nach den Möglichkeiten, Grundlagen und Entwicklungsperspektiven einer europäischen Identität, die auf einem gemeinsamen Kultur- und Zivilisationsverständnis beruht, auf die Tagesordnung gesetzt hat. Für Deutschland kommt als Besonderheit die deutsche Einheit hinzu, wobei weitgehend unstrittig ist, daß trotz ihrer mittlerweile mehr als dreizehnjährigen Geschichte unterschiedliche Identitätskonstruktionen in den zwei deutschen Teilgesellschaften noch länger wirksam bleiben werden. Sind die Prozesse der kulturellen Globalisierung und das Entstehen multiethnischer und damit multikultureller Gesellschaften keine Besonderheit des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, so hat sich die Qualität der Prozesse dennoch gewandelt. Die verschiedenen Formen von globalisierter Kultur und multikultureller Gesellschaft prägen unsere Konsumgewohnheiten, unsere Kulturlandschaft und unsere kulturell-künstlerische Produktion und Rezeption und Intensität, Reichweiten und Geschwindigkeiten haben sich radikal verändert.

Mehr: http://blog.smb.museum/museen-sind-keine-neutralen-orte-zum-wechsel-von-leontine-meijer-van-mensch/

Léontine Meijer-van Mensch diskutiert auf dem Panel 1 über »Neue kulturelle Weltsichten« (Programm)

 

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Bruchlinien

Kosmopolitismus, Kommunitarismus und die Demokratie

Wolfgang Merkel

  

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Rechtspopulismus. Es hat sich erhoben gegen die etablierten Parteien und Eliten. Es verlangt Gehör, Mitsprache und Teilhabe in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Ein wachsender Teil der Bürger dies¬ und jenseits des Atlantiks fühlt sich durch die repräsentativen Institutionen und Verfahren der Demokratie nicht mehr vertreten. Die entwickelten Demokratien des Westens, aber auch jene des weniger entwickelten Ostens, haben ein Repräsentationsproblem. „Die da unten“ wollen nicht mehr von „denen da oben“ und „weiter so“ regiert werden. Ein brisantes Gemisch von Globalisierungsverlierern, verunsicherten Kleinbürgern, abstiegsverängstigten Mittelschichten, Erzkonservativen, Chauvinisten, Nationalisten und Rassisten hat sich im Protest gegen die sie „ausgrenzende etablierte Politik“ zusammengebraut.

Mehr: www.wzb.eu/sites/default/files/publikationen/wzb_mitteilungen/s11-14merkelwm154-webpdf.pdf

Prof. Wolfgang Merkel (WZB Berlin) wird das Panel 2 »Lob der Grenzen – Kritik der Grenzen. Kulturpolitik in Zeiten der Globalisierung« eröffnen. (Programm)

 

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Kongressprogramm (English Version)

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