Jahresberichte des Instituts für Kulturpolitik
Die Kulturpolitik steckt gegenwärtig in einer paradoxen Situation: Einerseits werden Einschnitte in den Kulturetats beklagt und Kampagnen wie »Kultur gut stärken« inszeniert, um mehr Zustimmung für die Förderung von Kunst und Kultur zu erreichen. Andererseits behaupten die vier Autoren des »Kulturinfarktes«, es gebe zu viele kulturelle Angebote, und schlagen mit großer öffentlicher Resonanz – wenn auch nur in einem Gedankenexperiment – vor, die Hälfte der Kultureinrichtungen zu schließen, um mit dem frei werdenden Geld andere Kulturbereiche und -einrichtungen fördern zu können.
Während die einen die bestehende kulturelle Infrastruktur schützen und ausbauen wollen, diagnostizieren die anderen deren Infarkt und fordern eine radikale Therapie des Umbaus. Die Positionen könnten nicht kontroverser sein, Mittler haben sich noch nicht zu Wort gemeldet. Die Folgen: Sprachlosigkeit, Diskursverweigerung, aktives Beschweigen von Problemen, aber auch überzogene Polemik und verletzte Eitelkeit.
In dieser Situation könnte wissenschaftliche Politikberatung eine Hilfe sein, die frei von Bestandsinteressen die Situation analysiert, fundierte Informationen und Daten liefert und auf diese Weise Grundlagen für einen rationaleren Diskurs schafft. Die Kulturpolitische Gesellschaft hat sich schon vor dreißig Jahren dafür stark gemacht und die anwendungsbezogene Kulturpolitikforschung auf ihre Agenda gesetzt. Recherchen, Analysen und Forschungsarbeiten hatten von jeher neben den vielen diskursorientierten Aktivitäten und Veranstaltungen einen großen Stellenwert in der Verbandskonzeption. Mit dem Aufbau des Instituts für Kulturpolitik (IfK) sind die Forschungsarbeiten intensiviert worden. Das Institut hat die Aufgabe, jene Fachlichkeit zu generieren, die die verbandlichen Aktivitäten und Argumentationen unterstützt und verstärkt. In der gegenwärtigen Situation sind diese Ressourcen von großer Bedeutung.
Heute gilt mehr denn je: Kulturpolitik braucht Fakten, um eine vernünftige Diskussion führen und sachgerechte Entscheidungen fällen zu können. Wissenschaftlich fundierte Informationen über gesellschaftliche Entwicklungen wie den demografischen Wandel und die damit einhergehende Veränderung kultureller Präferenzen und Orientierungen werden zukünftig als Planungsgrößen und Entscheidungshilfen im Kontext einer nachfrageorientierten Kulturpolitik immer wichtiger werden. Die Strukturen und Potenziale des Publikums und der Nutzer kultureller Einrichtungen werden immer genauer untersucht werden müssen, um die richtigen Maßnahmen bei Infrastrukturplanungen und im Management der Einrichtungen ergreifen zu können. Rein quantitative Besuchsstatistiken, die es bislang auch nur für wenige große Einrichtungstypen und Sparten gibt, reichen als Planungsdaten dafür nicht mehr aus.
Das Netzwerk und der Kommunikationszusammenhang der Kulturpolitischen Gesellschaft sind die beste Gewähr dafür, dass die Arbeiten des Instituts praxis- und anwendungsbezogene Ergebnisse hervorbringen, die in die unterschiedlichen Praxisfelder hinein vermittelt werden können.
Der »Kulturpolitische Bundeskongress«, das »Jahrbuch für Kulturpolitik« und das »Kulturpolitische Informationssystem«, also die Kernaufgaben des Instituts, sind dafür besonders geeignete Instrumente. So entsteht ein sich gegenseitig verstärkender Effekt, der die Wirkungsmöglichkeiten des Verbands und des Instituts erhöht – eine Synergie mit beiderseitigem Vorteil. Aufgrund seiner Aktivitäten und Verbindungen erhält der Verband viele Informationen über und Einblicke in kulturpolitische Zusammenhänge, Vorgänge und Entscheidungsprozesse, auf denen das IfK aufbauen kann, und die andere Institute, die nicht über ein solches Netz verfügen, sich erst mühsam erarbeiten müssen. Andererseits kann die Kulturpolitische Gesellschaft in ihrer Meinungs- und Willensbildung auf einen Bestand aufbereiteten Wissens zurückgreifen.
Im Berichtszeitraum 2011 wurden vom IfK elf Projekte durchgeführt. An einigen Themen und Projekten der vergangenen Jahre wurde weitergearbeitet, andere wurden neu aufgenommen.
So hat das Institut etwa den Kulturbericht des Landes Niedersachsen konzipiert und in enger Kooperation mit den MitarbeiterInnen der dortigen Kulturabteilung des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur erstellt, nachdem das IfK in den Jahren davor bereits die nordrhein-westfälischen Kulturförderberichte erstellt hatte. Kontinuierlich weitergeführt und aktualisiert wurden die Datenbank »Europa fördert Kultur« sowie die Beschreibung der deutschen Kulturpolitik im »Compendium Cultural Policy in Europe«. Auch die Konzeptförderung Soziokultureller Zentren durch das Land Nordrhein-Westfalen wurde erneut vom IfK betreut.
Schwerpunkte waren indes die Durchführung des 6. Kulturpolitischen Bundeskongresses »netz.macht. kultur« sowie das Jahrbuch für Kulturpolitik 2011 zum Thema »Digitalisierung und Internet«. Beide reagieren auf eine der größten gegenwärtigen kulturpolitischen Herausforderungen, indem sie Perspektiven für die Kulturpolitik in der digitalen Gesellschaft aufzeigen. Zu nennen ist zudem der Abschluss des Projektes »Studium und Arbeitsmarkt für kulturvermittelnde und interkulturelle Tätigkeitsfelder«, dessen Ergebnisse nunmehr auch in Buchform vorliegen.
Die Mehrzahl der Projekte wurde von der Bundesebene gefördert, davon vier vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, eins vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und ein weiteres von der Initiative für Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung. Die Landesebene war mit drei von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen geförderten Projekten vertreten. Zwei weitere Projekte wurden von nichtstaatlichen Akteuren, dem Fonds Soziokultur und ERICarts, gefördert.
Im Berichtszeitraum 2011 haben neun MitarbeiterInnen als Voll- beziehungsweise Teilzeitkräfte in den Projekten des Instituts für Kulturpolitik gearbeitet. Zum Team gehören ferner eine Kollegin im Sekretariat und ein Kollege in der Buchhaltung. Unterstützt wurde die Arbeit in den Projekten weiterhin durch einige MitarbeiterInnen auf freiberuflicher oder Teilzeitbasis.
Wie in den vergangenen Jahren wurde die Arbeit des Instituts für Kulturpolitik durch das Kuratorium sachkundig begleitet und unterstützt. Die Basisfinanzierung wurde auch in diesem Jahr wieder vom Amt des Bundesbeauftragten für Kultur und Medien gewährleistet.
Norbert Sievers / Bernd Wagner
