Jahresberichte des Instituts für Kulturpolitik
Kulturpolitik braucht Fakten, um sachgerechte Entscheidungen fällen zu können. Wissenschaftlich fundierte Informationen über gesellschaftliche Entwicklungen wie den demografischen Wandel und die damit einhergehende Veränderung kultureller Präferenzen und Orientierungen werden zukünftig als Planungsgrößen und Entscheidungshilfen im Kontext einer nachfrageorientierten Kulturpolitik immer wichtiger werden. Die Strukturen und Potenziale des Publikums und der Nutzer kultureller Einrichtungen werden immer genauer untersucht werden müssen, um die richtigen Maßnahmen bei der Infrastrukturplanung und im Management der Einrichtungen ergreifen zu können. Rein quantitative Besuchsstatistiken reichen als Planungsdaten dafür nicht mehr aus.
Die Kulturpolitische Gesellschaft hat sich schon vor dreißig Jahren dafür stark gemacht und die anwendungsbezogene Kulturpolitikforschung auf ihre Agenda gesetzt. Sie konnte sich dabei auf die Fach- und Sachkompetenz ihrer Mitglieder und des Vorstands stützen, hat jedoch von Beginn an der Recherche, Analyse und Forschung neben den vielen diskursorientierten Aktivitäten und Veranstaltungen einen großen Stellenwert in der Verbandskonzeption eingeräumt.
Mit Gründung des Instituts für Kulturpolitik (IfK) sind die Forschungsarbeiten intensiviert worden. Es hat die Aufgabe, jene Fachlichkeit zu generieren, die die verbandlichen Aktivitäten und Argumentationen unterstützt und verstärkt. Für die Kulturpolitische Gesellschaft ist diese Ressource besonders wichtig, weil ihre Autorität nicht nur angewiesen ist auf die interne Beziehungsqualität des Verbands und die durch öffentliche Diskurse und Personen gestärkte Anerkennung, sondern auch auf Wissen und Information. Fachlichkeit und Überzeugungskraft sind die wichtigsten Ressourcen von Verbänden, für die klassische Formen lobbyistischer Einflussnahme im Sinne von »pressure politics« nicht greifen. Dies gilt auch für die Kulturpolitische Gesellschaft, die kein Interessenverband im engeren Sinne ist, sondern vielmehr eine Organisation, die Kulturpolitik als öffentliche Aufgabe gesellschaftlich kommuniziert und qualifiziert.
Andererseits sind das Netzwerk und der Kommunikationszusammenhang des Verbands die beste Gewähr dafür, dass die Arbeiten des Instituts praxis- und anwendungsbezogene Ergebnisse hervorbringen, die in die unterschiedlichen Praxisfelder hinein vermittelt werden können. Der »Kulturpolitische Bundeskongress«, das »Jahrbuch für Kulturpolitik« und das »Kulturpolitische Informationssystem«, also die Kernaufgaben des Instituts, sind dafür besonders geeignete Instrumente. Die Forschungs- und Recherchearbeiten stehen hier in engem Zusammenhang mit der kulturpolitischen Praxis. So entsteht ein sich gegenseitig verstärkender Effekt, der die Wirkungsmöglichkeit des Verbands und des Instituts erhöht – eine Synergie mit beiderseitigem Vorteil. Aufgrund seiner Aktivitäten und Verbindungen erhält der Verband viele Informationen über und Einblicke in kulturpolitische Zusammenhänge, Vorgänge und Entscheidungsprozesse, auf denen das IfK aufbauen kann und die andere Institute, die nicht über ein solches Netz verfügen, sich erst mühsam erarbeiten müssen. Andererseits kann die Kulturpolitische Gesellschaft in ihrer Meinungs- und Willensbildung auf einen Bestand aufbereiteten Wissens zurückgreifen.
Dies ist der Grund dafür, dass die enge Verbindung von Institut und Verband gewählt wurde. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass dieses Modell funktioniert.
Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern liegt Deutschland mit Blick auf wissenschaftliche Forschungsarbeiten im Kulturbereich weit zurück. Auch im Vergleich mit anderen Politikfeldern verfügt die Kulturpolitik über keine ausreichend entwickelte Forschungsinfrastruktur. Es gibt vielmehr einen Nachholbedarf an fundierten Recherchen und Untersuchungen. Dies wird den kulturpolitischen Akteuren auf Bundes- und Länderebene langsam bewusst. So ist zumindest zu hoffen, dass es in Zukunft mehr Mittel geben wird, um anwendungsbezogene Kulturpolitikforschung und in der Folge eine rationalere Kulturpolitik betreiben zu können.
Im Berichtszeitraum 2010 wurden vom IfK zwölf Projekte durchgeführt. An einigen Themen der vergangenen Jahre wurde weitergearbeitet wie der nationalen und der europäischen Kulturförderung mit dem Fortschreiben des Kulturförderberichts von Nordrhein-Westfalen und der Datenbank »Europa fördert Kultur« sowie der Untersuchung zur kulturellen Infrastruktur der vergangenen zwei Jahrzehnte, der Freien und Soziokultur sowie der Ausbildung für kulturvermittelnde Tätigkeiten. In vier Projekten ging es um die Recherche, Aufbereitung und das Zurverfügungstellen von Informationen zur Kulturpolitik und der kulturellen Infrastruktur. Hierzu gehört neben der Aktualisierung der Darstellung der Kulturpolitik in Deutschland im vergleichenden Compendium des Europarates und des »Kulturpolitischen Informationssystems« die Zusammenstellung relevanter Kulturdaten in Nordrhein-Westfalen sowie eine Studie zur Kulturpolitikforschung.
Die meisten Projekte wurden von der Bundesebene gefördert, davon vier vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und eins vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Die Landesebene war mit drei von der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei geförderten Projekten sowie einem durch die Kulturstiftung der Länder vertreten, der Europarat mit einem Projekt und Einrichtungen des Dritten Sektors mit zweien.
Im Zusammenhang mit den Projektaktivitäten wurden zusätzlich zum Jahrbuch für Kulturpolitik drei weitere Bücher herausgegeben, die Dokumentationen des Fünften Kulturpolitischen Bundeskongress »kultur. macht.geschichte«, die kommentierte Dokumentensammlung »Das Europa der Kulturen« sowie ein Sammelband zum Freien Theater.
Im Berichtszeitraum 2010 haben neun MitarbeiterInnen als Voll- beziehungsweise Teilzeitkräfte in den Projekten des Instituts für Kulturpolitik gearbeitet. Zum Team gehören eine Kollegin im Sekretariat und ein Kollege in der Buchhaltung. Unterstützt wurde die Arbeit durch vier freie MitarbeiterInnen, die in einzelnen Projekten eingebunden waren, sowie durch weitere freie MitarbeiterInnen auf Teilzeitbasis.
Wie in den vergangenen Jahren wurde die Entwicklung und Durchführung der Projekte durch das Kuratorium des Instituts sachkundig begleitet und unterstützt.
Norbert Sievers / Bernd Wagner
