Institut für
Kulturpolitik
 

 
     
Einleitung
Museen
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Theater
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Kulturelle Bildung und Soziokultur
Stadtfeste, Stadtentwicklung und Denkmalpflege
Freiwilligenbüros/Denkmalpflege

Bibliotheken

Das Netz der etwa 12 000 öffentlichen Bibliotheken in Deutschland bildet eine kaum zu überschätzende Grundlage unserer Bildungs- und Kulturlandschaft. Knapp 57 Prozent aller öffentlichen Bibliotheken sind in kommunaler und 42 Prozent in kirchlicher Trägerschaft. 22 Prozent der Beschäftigen in kommunalen Bibliotheken sind dort ehrenamtlich tätig, in den kirchlich getragenen sind es 98 Prozent, das heißt, letztere – das sind knapp die Hälfte aller öffentlichen Bibliotheken – werden nahezu ausschließlich ehrenamtlich betrieben. Wird nicht nur die Anzahl der Bibliotheken betrachtet, sondern die Bestands- oder Ausleihezahlen zugrunde gelegt, dann verschieben sich die Anteile zugunsten der kommunalen Bibliotheken und damit der hauptamtlich Beschäftigten, da diese einen Anteil von 80 Prozent des Bestandes und 85 Prozent der Ausleihe haben. Trotzdem ist auch bei einer solchen relativierenden Betrachtung die Bedeutung ehrenamtlicher Mitarbeit im Bibliotheksbereich immens.

Bezogen auf den Stadt-Land-Unterschied wird auch deutlich, dass die kommunal getragenen öffentlichen Bibliotheken im ländlichen Raum ebenfalls zu einem erheblichen Teil durch ehrenamtliche Arbeit funktionieren. Von den knapp 4 300 ehrenamtlich in kommunalen Bibliotheken Engagierten arbeiten 3 900, das heißt neun Zehntel in Büchereien im ländlichen Raum und 370, ein Zehntel, in den Bibliotheken in den Städten. Die 3 900 ehrenamtlich Aktiven in kommunalen Bibliotheken auf dem Land machen ein Drittel aller dort Tätigen aus, die Hauptamtlichen knapp die Hälfte und Nebenamtliche etwa 20 Prozent. Neben dem Stadt-Land-Unter­schied ist in Bezug auf ehrenamtliche Mitarbeit in Bibliotheken auch eine Ost-West-Differenz signifikant, da 95 Prozent aller Freiwilligen in Bibliotheken auf die alten Bundesländer entfallen. (Angaben nach Seefeldt 2000; vgl. auch Thier 1998)

In hauptamtlich betriebenen Bibliotheken werden je nach Größe und Art von ehrenamtlich Mitarbeitenden eine Vielzahl von Aufgaben wahrgenommen. Hierzu ge­hören unter anderem Ausleihe und Aufsicht, Sortier- und Einstellarbeiten, Beratung und Information, Mitentscheidung bei der Medienauswahl, Bibliotheksführungen und Benutzereinführungen, die aufsuchende Bibliotheksarbeit und mobile Bücher­dienste etwa in Krankenhäusern oder Altenheimen, Veranstaltungsdurchführungen und Organisation von Bücherbasaren, pädagogische Betreuung und Vorlesenachmittage für Kinder sowie EDV-Unterstützung, zum Beispiel bei Internetauftritten.

Je nach Größe der Einrichtung, dem Stamm der hauptberuflich Beschäftigten, der angesprochenen Adressatengruppe, der inneren Struktur, dem sozialen und lokalen Umfeld variiert die Wahrnehmung der Aufgaben durch Haupt- und Ehrenamtliche. Wobei auch bei gleicher Struktur und Größe der Einrichtung die Einsatz­möglichkeiten für ehrenamtlich Engagierte sehr unterschiedlich sind und stark von der Bereitschaft der Hauptberuflichen, vor allem der Bibliotheksleitung, abhängt, mit Ehrenamtlichen zusammenzuarbeiten.

In den in der Regel kleinen ehrenamtlich geführten Bibliotheken wird nahezu die gesamte Bibliotheksarbeit von Ehrenamtlichen geleistet, meist angeleitet durch hauptamtlich besetzte Bibliotheksfachstellen.

Eine neuere Entwicklung im Feld ehrenamtlichen Engagements in der Bibliotheksarbeit gibt es in den letzten Jahren durch die Finanznot der Kommunen, die auch öfter zur Schließung von Bibliothekszweigstellen geführt hat. In mehreren Fällen wurden von Schließung bedrohte kleinere Zweigstellen oder Stadtteilbibliotheken durch ehrenamtlich Engagierte – manchmal allein, manchmal in Kooperation mit hauptamtlichen BibliotheksmitarbeiterInnen in der Zentralstelle – weitergeführt. Unter anderem in Mannheim, Bremen, Hamburg, Königswinter und Föhr gibt es Erfahrungen mit solchen Kooperationsmodellen im Bibliotheksbereich. Dabei sind der Institutionalisierungsgrad der neuen Organisationsform, die Einbindung hauptamtlichen Personals und die Tätigkeitsfelder der ehrenamtlich Aktiven sehr unterschiedlich. Das trifft auch auf die Kosten- und Verantwortungsteilung zwischen Kommune respektive Hauptbücherei und Verein zu.[1]

Nahezu alle Arbeiten von Ehrenamtlichen in haupt- oder ehrenamtlich geführten Bibliotheken sind Gegenstand bibliothekarischer Aus- und Fortbildung für die hauptberuflich Beschäftigten und machen deren Arbeitsfeld aus. Gleichzeitig werden die meisten aber auch ebenso selbstverständlich von ehrenamtlich Aktiven wahrgenommen, die in diese Arbeitsgänge eingewiesen werden und sich dafür in der praktischen Tätigkeit oder durch Fortbildung qualifizieren.

Das Spannungsfeld von professionell qualifizierten Fachkräften und der teilweisen Wahrnehmung ihrer Tätigkeiten durch ehrenamtlich Engagierte, die in der Regel nicht dafür ausgebildet sind, ist der Kern der Auseinandersetzung über den Einsatz ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor allem im Bibliotheksbereich, aber nicht nur dort, sondern in allen Sparten mit Ausbildungsberufen. Die kontroversen mehrjährigen Diskussionen um die Erarbeitung des Positionspapiers »Freiwillige – (k)eine Chance für Bibliotheken« des Deutschen Bibliotheksverbandes 1999, das weiterhin strittig diskutiert wird, spiegelt diese zum Teil sicher nicht unbe­rechtigte Angst vor der Ersetzung qualifizierter hauptamtlicher Arbeitskräfte durch kostengünstige Freiwillige. (Vgl. Deutscher Bibliotheksverband 1999)

Wie im Museums- und Ausstellungsbereich und bei der Mehrzahl der anderen traditionellen Kultureinrichtungen, vor allem den Theatern, gibt es – wenn auch nicht so umfassend – auch bei Bibliotheken Freundeskreise und Fördervereine. Aus einer Umfrage von 2001 geht hervor, dass etwa ein Drittel der Bibliotheken von solchen Vereinen unterstützt wird. Dabei wurde auch festgestellt, dass gerade in den neunziger Jahren ein regelrechter Gründerboom solcher unterstützenden Zusammenschlüsse um einzelne Bibliotheken stattfand, denn über 70 Prozent von ihnen wurden in dieser Zeit gegründet. (Vgl. Freudenberg 2002)

Unsere Beiträge zum Bibliothekssektor beginnen mit einem allgemeinen Hinweis auf die Aktivitäten von Fördervereinen und einem konkreten Beispiel dazu. In drei Artikeln werden verschiedene Tätigkeitsfelder ehrenamtlicher Mitarbeit an hauptamtlich geführten Bibliotheken beschrieben. Auf die Übernahme von ehemals hauptamtlich betriebenen Bibliotheken durch Bürgerinitiativen und Bürgerverein, um dadurch die Schließung zu verhindern, und die Schwierigkeiten dabei, aber auch auf die Erfolge bei der Weiterführung durch Ehrenamtliche geht es in anderen Artikeln in diesem Teil.

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[1]   Dass diese Form von Public-Private-Partnership nicht nur als »letzter Ausweg« gesehen werden muss, um Schließungen zu vermeiden, sondern auch Teil einer gesellschafts- und kulturpolitischen Neuorientierung mit solchen »hybriden Organisationsformen« sein kann, zeigt u. a. die Studie von Adalbert Evers u. a. »Von öffentlichen Einrichtungen zu sozialen Unternehmen« (2002).