Kulturpolitischer Bundeskongress
Fünfter Kulturpolitischer Bundeskongress »kultur.macht.geschichte - geschichte.macht.kultur. Kulturpolitik und kulturelles Gedächtnis«
Die Kulturpolitischen Bundeskongresse
Die Durchführung der im zweijährigen Rhythmus stattfindenden kulturpolitischen Bundeskongresse gehört zu den zentralen Aufgaben des Instituts für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft. Es ist ihre Aufgabe, aktuell relevante Themen der Kulturpolitik von bundesweiter Bedeutung öffentlich zu diskutieren und zu kommunizieren. Ihr Ziel ist es, durch die Wahl der Themen und die Art der »Inszenierung« Markierungen und Schwerpunkte in diesem Diskurs zu setzen, die eine gewisse Orientierungsfunktion haben. Gleichzeitig sollen die Kulturpolitischen Bundeskongresse Treffpunkte sein, um die Akteure der unterschiedlichen kulturpolitischen (Entscheidungs-)Ebenen und Kontexte zusammenzubringen und ihnen ein Forum zu geben.
Die ersten vier Bundeskongresse »kunst.macht.kulturpolitik« (2001), »inter.kultur. politik« (2003), »publikum.macht.kultur« (2005) und »Kultur.macht. europa« (2007) haben diese Erwartungen erfüllt. Mit jeweils ca. 400ˆ500 TeilnehmerInnen waren sie sehr gut besucht und das Echo in den Medien war insgesamt sehr positiv, so dass gesagt werden kann, dass es gelungen ist, dem Selbstanspruch gerecht zu werden und die Marke »Kulturpolitischer Bundeskongress« erfolgreich in der kulturpolitischen Öffentlichkeit zu platzieren. Der Fünfte Kulturpolitische Bundeskongress »kultur.macht.geschichte ˆ geschichte. macht.kultur« findet am 11./12. Juni 2009 in der Katholischen Akademie in Berlin statt.
Die Kulturpolitischen Bundeskongresse werden federführend vom Institut für Kulturpolitik geplant und durchgeführt. Die Mitarbeiter des Instituts können dabei zurückgreifen auf Ressourcen der Kulturpolitischen Gesellschaft (Kompetenz, Verbindungen, Erfahrungen), die in der kulturpolitischen Öffentlichkeit ein eingeführter und bekannter Akteur ist. Als enger Kooperationspartner und Mitveranstalter ist von Beginn an die Bundeszentrale für politische Bildung beteiligt. Für den 5. Kongress konnte ferner das renommierte Kulturwissenschaftliche Institut (Essen) gewonnen werden.
Die vier ersten Kongresse waren sehr stark diskursiv angelegt. Die Themen wurden vor allem in kleinen Diskussionsrunden plenar oder in parallelen Foren diskutiert. Dabei wurde Wert darauf gelegt, eine angemessene Mischung aus Sachinformation und kontroverser Debatte zu ermöglichen. Konzeptleitend war ferner die Idee, neben theoretischen und empirischen Beiträgen den Praxiserfahrungen durch Good-practice-Beispiele Raum zu geben. Die Referenten und Experten kamen dabei aus dem gesamten Bundesgebiet und dem europäischen Ausland. Die Konzeption des Kulturpolitischen Bundeskongresses ist nicht statisch, sondern soll jedes Mal durch neue Elemente gekennzeichnet sein, um in Inhalt und Form dem Anspruch eines Bundeskongresses gerecht werden zu können. Geplant ist, in Zukunft mit verschiedenen Präsentations-, Diskurs- und Dokumentationsformen zu experimentieren, um auch der Tagungs- und Kongresslandschaft neue Impulse zu geben.
Aufgegriffen wird bei dem Fünften Kulturpolitischen Bundeskongress auch die Kommunikationsstrategie des letzten Kongresses, die eine Kongresswebsite www.kultur-macht-geschichte.de und einen E-Mail-Newsletter (betr. Kulturpolitik / kulturelles Gedächtnis) einschließt, der an ca. 8.000 Adressaten in Europa in deutscher und englischer Sprache versandt wird. Damit soll die kulturpolitische Öffentlichkeit auf den Kongress vorbereitet werden.
Was will der Kongress?
Der 5. Kulturpolitische Bundeskongress wird sich mit dem Thema »Kulturpolitik und Gedächtnis« befassen. Es soll diskutiert werden, wie mit Erinnerung/Gedenken, Identität und Traditionsbildung im kulturpolitischen Zusammenhang in Zukunft sinnvoll umgegangen werden kann. Anlass für den Kongress ist das Jahr 2009, in dem viele Jubiläen anstehen: die Unterzeichnung des Vertrags von Versailles vor 90 Jahren, die Verabschiedung der Weimarer Verfassung (1919), der Beginn des Zweiten Weltkriegs (1939), die Gründung von BRD und DDR (1949), das Inkrafttreten des Grundgesetzes (1949) oder der Fall der Berliner Mauer (1989). Mit der Erinnerung an die Varus-Schlacht und die 250ste Wiederkehr des Geburtsjahrs von Friedrich Schiller stehen weitere Daten mit großer Symbolik an. Diese Jubiläen und Erinnerungsthemen geben viele Anlässe für eine kulturpolitische Debatte über »Erinnerung«, »Gedenken«, »Identität« und die Aufgaben und Funktionen der kulturellen Institutionen in diesem Zusammenhang. Inhaltlich gibt es eine Reihe von Fakten und Argumenten, die ein neues Interesse an Geschichte im kulturpolitischen Zusammenhang begründen.
Stichwortartig lassen sich diese in folgenden Punkten zusammenfassen:
- Die nationale Ebene von Geschichte relativiert sich sowohl durch den europäischen Einigungsprozess wie durch lokale und regionale Perspektiven.
- Die Pluralisierung der Lebenswelten durch Migration und Globalisierung führt zu einer Pluralisierung von Geschichtsbildern und relativiert die traditionellen »nationalen« Erzählungen.
- Der grundlegende Wandel der Medienlandschaft relativiert den Einfluss des (staatlichen) Geschichtsunterrichts und der kulturpolitisch steuerbaren öffentlichen Institutionen. Die neuen medialen Narrative konkurrieren zunehmend erfolgreich mit den klassischen Bildungsinstanzen in Bezug auf Bildung, Unterhaltung und Vermarktung.
- Zugleich hat das Interesse der politischen Klasse, bzw. der politisch Handelnden an einer geschichtlichen Rückversicherung und Symbolisierung insgesamt zugenommen. Das Bedürfnis nach symbolischer Selbstvergewisserung scheint eines der zentralen Motive von Politik und in der Gesellschaft geworden zu sein.
- Diese Prozesse scheinen sich in ganz Europa vor allem in der Aufarbeitung der jüngeren europäischen Geschichte in ihren nationalen Ausprägungen zu fokussieren (Faschismus, NS-System, Stalinismus).
Unabhängig von den (medialen) Trends zur Inszenierung wird dem kulturellen Gedächtnis bei der Entwicklung und Formulierung von gesellschaftlichen Perspektiven eine wesentliche Rolle zugeschrieben. Das damit verbundene Bedürfnis nach Tradition sorgt für zusätzliches Gewicht.
Fragt man vor dem Hintergrund der obigen Ausführungen nach der Relevanz des Kongressthemas, bieten sich im Kern zwei Begründungen an:
- Der europäische Einigungsprozess setzt ein europäisches Bewusstsein voraus. Geschichte und Geschichtsvermittlung respektive eine kollektive Erinnerung und eine europäische Erinnerungskultur sind dafür zentral. Die Kulturpolitik respektive die von ihr geförderten Institutionen müssen darauf reagieren, auch wenn die Fragen schwierig sind: Brauchen wir einen neuen Mythos für die europäische Vereinigung? Bedarf es für den Geschichtsunterricht wie auch für die Konzeptionen der Historischen Museen einen neuen europäischen Kanon der zu vermittelnden Themen? Oder müssen die bereits behandelten Themen schlicht in ihrem europäischen Kontext präsentiert werden, die Erzählungen über die Geschichte also noch komplexer gestaltet werden?
- Die interkulturelle Situation (vor allem in den Städten) stellt gleichfalls den alten (nationalen) Kanon geschichtlicher Themen in Frage und verweist auf die Schwierigkeit, gemeinsame Inhalte mit Blick auf die konfliktreiche historische Entwicklung zu finden. Wie sieht das kulturelle Gedächtnis in Einwanderungsgesellschaften aus? Gibt es Konzepte der »Gedächtnis- oder Erinnerungspolitik« für Einwanderungsgesellschaften? Ist es gerade in Einwanderungsgesellschaften notwendig, sich von historischen Mythen zu lösen und einen nach vorne gerichteten Mythos (eine Art American Dream) zu konstruieren?
Adressaten und Organisation
Der Fünfte Bundeskongress wird in erster Linie die bundesdeutsche kulturpolitische Öffentlichkeit ansprechen, also KulturpolitikerInnen, Akteure aus dem politisch-administrativen Bereich, den Verbänden, der Forschung und Wissenschaft, den Medien und selbstverständlich der Kunst- und Kulturszene selbst. Insgesamt rechnen wir mit einem vollen Haus, also mit ca. 300 TeilnehmerInnen und ca. 80 ReferentInnen, ModeratorInnen, OrganisatorInnen und PressevertreterInnen.
Der Kongress wird von seiner Programmstruktur her analog zu den ersten vier Bundeskongressen geplant, d.h. es gibt Plenarveranstaltungen mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen, aber auch dezentrale Foren zu Spezialthemen. Seit Mai 2008 hat eine Programmgruppe aus VertreterInnen der Kulturpolitischen Gesellschaft und der Kooperations- und Veranstaltungspartner an der Erstellung der Konzeption gearbeitet. Im Rahmen einer Expertenkonferenz wurden die inhaltlichen Schwerpunkte diskutiert. Darüber hinaus ist für den Kongress am Vorabend wiederum eine Auftaktveranstaltung in der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen in Berlin vorgesehen.
Norbert Sievers



